Mein erstes eigenes Bilderbuch: Wie Kinder ihre Geschichten malen und du sie begleitest
Wenn aus einem Stapel Bilder eine Geschichte wird
Vielleicht kennst du das: Am Kühlschrank kleben schon drei Schichten Kunstwerke, in der Schublade wartet ein Stapel Zeichnungen, und beim letzten Besuch hat dir das Enkelkind stolz ein Bild in die Hand gedrückt. „Das ist der Drache, der Angst vor Mäusen hat!“, heißt es dann. Spätestens jetzt merkst du: Da steckt eine ganze Geschichte drin. Und du fragst dich, wie du diesen Erzählschatz würdigen kannst, ohne dass er im Altpapier landet.
Die gute Nachricht: Aus genau diesen Bildern kann ein erstes eigenes Bilderbuch werden. Dafür brauchst du weder Talent noch Bastelprofi-Ausrüstung, nur ein bisschen Zeit und offene Ohren. Ob du Mama, Papa, Oma, Opa, Patentante oder Erzieher bist, spielt dabei keine Rolle.
Warum ein selbst gemachtes Bilderbuch so viel bewirkt
Kinder malen nicht einfach „Bildchen“. Schon im ersten Lebensjahr beginnt ihre Malentwicklung, etwa wenn ein Baby den Brei genüsslich auf dem Tisch verteilt. Im zweiten Lebensjahr entdecken die meisten, was Stifte auf Papier bewirken. Danach durchlaufen Kinder Phasen, die Fachleute Kritzelphase, Vorschemaphase und Schemaphase nennen. Aus wilden Linien werden nach und nach Menschen, Häuser, Tiere und ganze Szenen.
Spannend ist: Was ein Bild bedeutet, erschließt sich oft erst durch das, was das Kind dazu erzählt. Malen und Sprechen gehören eng zusammen. Genau hier setzt ein eigenes Bilderbuch an. Es verbindet Fantasie, Sprache und Handwerk und zeigt dem Kind: Deine Geschichte ist es wert, aufgeschrieben zu werden.
So entsteht euer erstes Bilderbuch: 8 Tipps
- Mit dem Erzählen beginnen, nicht mit dem Buch. Setz dich dazu und frag ganz offen: Wer kommt in deiner Geschichte vor? Was passiert dann? Manche Kinder malen zuerst und erzählen danach, andere umgekehrt. Beides ist richtig.
- Du schreibst, das Kind erzählt. Kann das Kind noch nicht schreiben, wirst du zur Schreibkraft. Schreib die Sätze möglichst wortgetreu auf, auch wenn sie grammatisch holpern. Gerade diese Formulierungen sind später pures Gold.
- Klein anfangen. Ein Buch mit vier bis acht Seiten ist für den Anfang ideal. Das schafft ein Kind an einem Nachmittag, und das Erfolgserlebnis kommt schnell. Eine einfache Bauanleitung findest du weiter unten.
- Nachfragen statt verbessern. Ein lila Hund mit sechs Beinen? Wunderbar. Kinder malen oft das größer, was ihnen wichtig ist, oder zeigen, was in einem Haus versteckt ist, als wäre die Wand durchsichtig. Das ist kein Fehler, sondern Ausdruck ihres Denkens. Ein neugieriges „Erzähl mal, was macht er da?“ wirkt mehr als jede Korrektur.
- Auch Kritzelbücher sind Bücher. Kleine Kinder in der Kritzelphase können trotzdem Autor oder Autorin sein. Lass sie zu ihren Spuren erzählen und notiere ein, zwei Wörter pro Seite. Das Prinzip „Ich habe ein Buch gemacht“ zählt mehr als erkennbare Figuren.
- Gemeinsam binden. Lass das Kind so viel wie möglich selbst machen: lochen, Wollfaden durchfädeln, Schleife binden. Alternativen sind der Tacker, ein Leporello aus einem langen Papierstreifen oder Klarsichthüllen in einer Mappe.
- Ein echtes Cover gestalten. Titel, Titelbild und vor allem der Name: „Geschrieben und gemalt von …“. Hinten kann eine kleine Autorenseite mit Foto oder Selbstporträt folgen, vorne eine Widmung, etwa für Opa oder die beste Freundin.
- Feierliche Lese-Premiere. Lest das fertige Buch gemeinsam, gern auf dem Sofa mit Kakao. Mal liest du vor, mal „liest“ das Kind aus der Erinnerung. Großeltern, die weiter weg wohnen, können per Videoanruf dabei sein oder ein eigenes Exemplar per Post bekommen.
Probier es selbst aus: das Acht-Seiten-Faltbuch
Dieses Mini-Buch entsteht aus einem einzigen Blatt, ganz ohne Kleber und Faden.
- Lege ein DIN-A4-Blatt quer vor dich und falte es so, dass am Ende acht gleich große Felder sichtbar sind: einmal längs halbieren, dann zweimal quer. Danach wieder auffalten.
- Falte das Blatt an der kurzen Seite einmal in der Mitte zusammen. Schneide von der Faltkante aus entlang der mittleren Linie ein, bis zur nächsten Querfalte, also nur über die zwei mittleren Felder.
- Falte das Blatt wieder auf, dann längs zusammen. Schiebe die beiden Enden zueinander, sodass sich die Mitte zu einem Kreuz öffnet.
- Klappe alles zu einem Heftchen zusammen. Fertig sind Cover, sechs Innenseiten und eine Rückseite.
- Jetzt darf gemalt werden: pro Seite ein Bild und ein Satz. Tipp: Erst falten, dann malen, sonst stehen Bilder auf dem Kopf.
Was du dafür brauchst
- Papier: Druckerpapier, festeres Zeichenpapier oder Tonkarton fürs Cover
- Stifte: Buntstifte, Wachsmalkreiden, Filzstifte oder Wasserfarben, je nach Lust
- Schere, Locher und Wollfaden oder Geschenkband, alternativ ein Tacker
- Einen Stift für dich, um die erzählten Sätze aufzuschreiben
- Zeit ohne Eile, ein freier Tisch und echte Neugier auf die Geschichte
Zum Schluss: Jede Geschichte verdient ein Zuhause
Ein selbst gemachtes Bilderbuch muss nicht perfekt sein. Es darf schief gebunden sein, Farbflecken haben und mitten in der Geschichte plötzlich einen Dinosaurier auftauchen lassen. Genau das macht es so wertvoll. Viele Familien bewahren diese ersten Bücher über Jahre auf, und irgendwann lachen alle gemeinsam über den Drachen, der Angst vor Mäusen hatte.
Wenn euch unterwegs die Ideen ausgehen, können Geschichten zum Zuhören gute Starthilfe sein, etwa ein Offline-Hörbuch für die nächste Autofahrt. Danach wird oft munter weitererzählt und weitergesponnen.
Und jetzt: Schnappt euch Papier und Stifte, macht es euch gemütlich und legt los. Die erste Seite wartet schon.
Kurz erklärt
Kritzelphase
Die erste Malzeit kleiner Kinder: Sie probieren Linien, Kreise und Schwünge aus und freuen sich, dass der Stift Spuren hinterlässt.
Schemaphase
Eine spätere Malzeit, in der Kinder feste Formen für Dinge finden, etwa ein Haus mit Dreiecksdach oder eine Sonne mit Strahlen.
Bedeutungsperspektive
Wenn Kinder etwas besonders groß malen, weil es ihnen wichtig ist, und nicht, weil es wirklich so groß ist.
Leporello
Ein Buch aus einem langen, zickzackförmig gefalteten Papierstreifen, das man wie eine Ziehharmonika auseinanderziehen kann.
Häufige Fragen
Soll ich die Bilder korrigieren, damit das Buch schöner aussieht?
Lieber nicht. Ein Bilderbuch gehört dem Kind, gerade die ungewöhnlichen Farben und Proportionen machen es einzigartig. Statt zu verbessern, frag nach: Was passiert hier gerade? So fühlt sich das Kind ernst genommen und erzählt oft noch mehr.
Kann ich aus den Bildern ablesen, wie es dem Kind geht?
Kinderzeichnungen können zwar Hinweise auf die Entwicklung geben, doch einzelne Bilder sagen wenig aus. Fachleute betonen, wie wichtig die Worte sind, mit denen Kinder ihre Bilder erklären. Hör also vor allem zu, statt selbst zu deuten. Bei echten Sorgen ist eine Fachperson die richtige Anlaufstelle.
Wie lässt sich ein selbstgemachtes Bilderbuch dauerhaft bewahren?
Du kannst die Seiten in Klarsichthüllen stecken und in einem Ringordner sammeln oder sie einscannen. Es gibt außerdem Anbieter, bei denen man selbst gestaltete Bilderbücher drucken lassen kann. Das ist ein schönes Geschenk für Großeltern oder Paten.