Morgen- und Abendroutine zum Ausmalen: Routinepläne, die Kinder selbst gestalten
Kennst du diese Morgen?
Es ist 7:12 Uhr. Ein Kind sitzt noch im Schlafanzug auf dem Teppich und baut ein Raumschiff, die Zähne sind ungeputzt, und du hörst dich zum vierten Mal sagen: „Schuhe anziehen, bitte!“ Abends dasselbe in Grün: Baden, Zähne, Geschichte – und irgendwo dazwischen die Verhandlung über das „allerletzte“ Glas Wasser.
Ob du Mama oder Papa bist, Oma oder Opa beim Übernachtungswochenende, Patentante, Onkel oder Erzieherin in der Kita: Diese Momente kennen fast alle, die Zeit mit Kindern verbringen. Sie sind kein Zeichen dafür, dass irgendwer etwas falsch macht. Kinder leben einfach viel stärker im Hier und Jetzt als wir Erwachsenen – und das ist ja eigentlich etwas Wunderbares.
Warum ein Plan zum Anschauen so viel bewirken kann
Zeit ist für Kinder etwas ziemlich Abstraktes. „Gleich“, „nach dem Frühstück“, „in zehn Minuten“ – das bleibt oft Luft. Ein Routineplan macht diese unsichtbare Zeit sichtbar: Er zeigt den Ablauf mit Bildern, Symbolen oder Wörtern, die ein Kind anschauen und abhaken kann. Fachleute beschreiben solche visuellen Pläne als Hilfe, die Vorhersehbarkeit schafft und die Angst vor dem Unbekannten verringert. Gleichzeitig motivieren sie, weil das Kind sieht, wann etwas Schönes kommt – etwa die Kuschelzeit mit der Gutenachtgeschichte.
Dazu kommt: Wer selbst nachschauen kann, muss nicht ständig erinnert werden. Das stillt das kindliche Bedürfnis nach Selbstständigkeit – und schont deine Nerven. Visuelle Tagespläne werden übrigens seit Langem auch für autistische Kinder und Kinder mit ADHS eingesetzt. Profitieren können aber alle Kinder davon.
Und jetzt kommt der Clou: Wenn Kinder ihren Plan selbst ausmalen und gestalten, wird er zu ihrem Plan. Was man mit eigenen Händen gemacht hat, schaut man einfach lieber an.
8 Tipps für Routinepläne, die wirklich genutzt werden
- Lass dein Kind mitbestimmen. Frag neugierig: „Was machst du morgens als Erstes?“ Legt die Reihenfolge gemeinsam fest. Vielleicht will dein Kind lieber erst anziehen und dann frühstücken? Wenn es keinen echten Grund dagegen gibt: Warum nicht?
- Weniger ist mehr. Für Kita-Kinder reichen meist drei bis fünf Schritte pro Routine, Schulkinder schaffen auch mehr. Der Plan sollte zum Alter und Entwicklungsstand passen – lieber klein anfangen und später ergänzen.
- Bilder vor Worten. Kinder, die noch nicht lesen, orientieren sich an Symbolen, Zeichnungen oder Fotos. Für Leseanfänger ist die Kombination aus Bild und Wort ideal – so wird der Plan ganz nebenbei zur kleinen Leseübung.
- Zum Ausmalen statt fertig gekauft. Zeichne einfache Umrisse vor (Zahnbürste, Pulli, Müslischale, Bett) oder druck dir eine Gratis-Vorlage aus – und dann darf dein Kind ausmalen. Wenn die Zahnbürste lila mit Glitzer wird oder sich in einen kleinen Drachen verwandelt: perfekt! Je mehr Persönlichkeit, desto lieber wird der Plan benutzt.
- Mach den Plan zum Anfassen. Klett, Wäscheklammern oder Magnete machen aus dem Bild ein kleines Spiel: Erledigtes wird umgedreht, verschoben oder in eine „Fertig-Tasche“ gesteckt. Dieses sichtbare „Geschafft!“ fühlt sich für Kinder richtig gut an.
- Auf Augenhöhe aufhängen – dort, wo es passiert. Der Morgenplan kommt in den Flur oder an die Kinderzimmertür, der Abendplan ins Bad oder neben das Bett. Hängt er auf Kinderhöhe, braucht dein Kind dich nicht, um nachzuschauen.
- Zeigen statt sagen. Statt „Zähne putzen, jetzt!“ probier mal: „Schau mal auf deinen Plan – was kommt als Nächstes?“ Das klingt nach einer Kleinigkeit, verändert aber die Stimmung. Du wirst vom Antreiber zur Begleitung.
- Anpassen ist ausdrücklich erlaubt. Ferien, Besuch bei Oma und Opa, Zeitumstellung: Ein Plan darf mitwachsen und mitreisen. Vor der Zeitumstellung empfehlen Kinderärzte, in der Woche davor jeden Tag etwa 15 Minuten früher ins Bett zu gehen – und morgens möglichst viel Tageslicht zu tanken. Das könnt ihr direkt in den Abendplan einbauen.
Probier es selbst aus: Der Routine-Streifen in 20 Minuten
- Schneidet einen langen Papierstreifen (etwa so breit wie eine Hand) und teilt ihn mit Bleistiftstrichen in vier bis sechs Felder.
- Überlegt gemeinsam, welche Schritte dazugehören, und malt in jedes Feld ein Bild – du kannst Umrisse vorzeichnen, dein Kind malt bunt aus.
- Ganz oben bekommt der Streifen ein eigenes Symbol: eine Sonne für den Morgen, ein Mond mit Sternen für den Abend.
- Unter jedes Feld kommt eine Wäscheklammer. Ist ein Schritt geschafft, wandert die Klammer ans Ende des Streifens.
- Zum Schluss darf dein Kind ein „Ziel-Bild“ malen – zum Beispiel sich selbst, wie es fröhlich losläuft oder gemütlich im Bett liegt.
Was du dafür brauchst
- Festes Papier oder Tonkarton (ein alter Karton tut es auch)
- Buntstifte, Filzstifte oder Wachsmalstifte
- Schere und Kleber oder Klebeband
- Optional: Wäscheklammern, Klettpunkte oder Magnete
- Optional: Fotos von deinem Kind bei den einzelnen Schritten
- Optional: Laminierfolie oder eine Klarsichthülle, damit der Plan länger hält
- Und das Wichtigste: ein bisschen Zeit und Lust, gemeinsam loszulegen
Zum Schluss: Geduld, Humor und ein paar Buntstifte
Sei nachsichtig mit euch beiden: Auch der schönste Plan zaubert den Morgentrubel nicht über Nacht weg. Es wird Tage geben, an denen trotzdem alles drunter und drüber geht – und das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist, dass der Plan euch hilft und nicht zum nächsten Streitpunkt wird. Wenn er nach ein paar Wochen langweilig wird, malt einfach ein neues Bild dazu.
Ein kleiner Gedanke für die Abendroutine oder die Autofahrt zu Oma und Opa: Eine feste Hörzeit kann ein schöner Baustein sein – zum Beispiel mit einer Faktolino-Folge als Hörbuch, das auch offline im Auto läuft.
Und jetzt? Schnappt euch Papier und Stifte, setzt euch zusammen an den Tisch und lasst euren ganz eigenen Routineplan entstehen. Viel Freude beim Malen!
Kurz erklärt
Routine
Ein Ablauf, der jeden Tag ungefähr gleich passiert – zum Beispiel Zähneputzen, Anziehen und Frühstücken am Morgen.
Visueller Plan
Ein Plan zum Anschauen: Mit Bildern, Symbolen oder Wörtern zeigt er, was nacheinander passiert.
Ritual
Ein fester, oft liebevoller Moment, der sich wiederholt – wie die Gutenachtgeschichte oder ein besonderer Abschiedsgruß.
Selbstständigkeit
Etwas allein schaffen, ohne dass jemand jeden Schritt ansagen muss.
Häufige Fragen
Was mache ich, wenn mein Kind den Plan nach ein paar Wochen nicht mehr beachtet?
Das ist ganz normal – Neues wird irgendwann Alltag. Frischt den Plan gemeinsam auf: ein Bild neu ausmalen, einen Schritt tauschen oder eine lustige Figur dazuzeichnen. Oft reicht schon die Frage ‚Schau mal, was kommt jetzt?‘, um den Plan wieder ins Spiel zu bringen.
Brauchen wir Sticker oder Belohnungen, damit der Plan funktioniert?
Nicht unbedingt. Das Umdrehen oder Abhaken eines Kärtchens ist für viele Kinder schon Belohnung genug, weil sie sehen, was sie geschafft haben. Ein ehrliches ‚Das hast du ganz allein gemacht!‘ wirkt meist nachhaltiger als ein Stickerberg.
Funktioniert ein Routineplan auch bei Oma und Opa oder in zwei Haushalten?
Ja, sogar besonders gut. Ein kleiner, transportabler Plan gibt dem Kind auch an einem anderen Ort Sicherheit, weil es weiß, was kommt. Ideal ist, wenn die wichtigsten Schritte gleich bleiben und nur Details angepasst werden.