„Das ist nicht schön geworden!“ – Wenn Kinder beim Malen verzweifeln
Wenn das Blatt plötzlich in Fetzen liegt
Eben saß dein Kind noch ganz vertieft am Tisch, die Zungenspitze zwischen den Lippen, den Lieblingsstift fest in der Hand. Dann kommt ein Seufzer, ein Schnauben und ein „Das ist nicht schön geworden!“. Ratsch, das Bild ist zerrissen. Vielleicht kennst du diese Szene als Mama oder Papa. Vielleicht kennst du sie als Oma oder Opa beim gemeinsamen Malnachmittag, als Patentante, die gerade einen neuen Malblock verschenkt hat, oder als Erzieher im Gruppenraum. Und vielleicht hast du dich gefragt: Was sage ich jetzt? Trösten? Widersprechen? Das Bild schnell retten?
Erst einmal: Du bist damit nicht allein. Fachleute beschreiben Kinder wie die achtjährige Lisa. Sie liebt das Malen und zerreißt ihre Zeichnungen trotzdem schon bei kleinsten Abweichungen. Oder Manuel, ebenfalls acht, der alles über Wale weiß. Er kann nicht weitermalen, weil sein Bild einfach nicht so aussieht wie das in seinem Kopf. Frust beim Malen heißt also nicht, dass etwas grundsätzlich schiefläuft. Oft zeigt er vor allem, wie viel deinem Kind an seinem Werk liegt.
Warum sich ein entspannter Blick lohnt
Ein hoher Anspruch an sich selbst ist nicht automatisch schlecht. Fachleute unterscheiden zwei Arten von Perfektionismus:
- Der funktionale treibt das Lernen an. Das Kind will besser werden und bleibt dran.
- Der dysfunktionale hemmt. Jeder Fehler fühlt sich an wie ein persönliches Scheitern.
Kinder mit sehr hohem Anspruch stellen sich beim kleinsten Misserfolg schnell als ganze Person infrage. Manche ziehen sich dann ganz zurück und nehmen kaum noch einen Stift in die Hand.
Hier kommst du ins Spiel. Kindheit und Jugend gelten als entscheidende Phasen, in denen sich Perfektionismus entwickelt, und die Erwachsenen rundherum spielen dabei eine wichtige Rolle. Perfektionismus kann auch als Bedürfnis nach Anerkennung gedeutet werden. Das klingt nach viel Verantwortung, ist aber vor allem eine Chance. Wie du auf ein zerrissenes Bild reagierst, kann deinem Kind zeigen: Du bist richtig, so wie du bist. Auch mit krummen Linien.
7 Tipps für entspanntere Malmomente
- Erst das Gefühl, dann das Bild. Bevor du irgendetwas über das Bild sagst, benenne, was du beim Kind siehst: „Du bist richtig enttäuscht, oder? Du hattest dir das anders vorgestellt.“ Ein schnelles „Ist doch schön!“ ist lieb gemeint. Für das Kind fühlt es sich aber oft an, als würdest du ihm nicht zuhören.
- Wut darf sein, mit klaren Grenzen. Das eigene Bild zu zerreißen, ist ein Ventil und kein Drama. Schimpfen hilft hier selten. Vereinbart lieber, dass die Bilder anderer heil bleiben. Bietet außerdem einen Ort für die Fetzen an, etwa eine Schnipsel-Kiste.
- Lobe den Weg, nicht nur das Ergebnis. Beschreibe, was du wahrnimmst, und würdige die Mühe: „Du hast dir richtig Zeit genommen für dein Bild. Das sieht man!“ Oder: „Wie bist du auf dieses Lila gekommen?“ So lernt dein Kind, dass sein Einsatz zählt und nicht nur das perfekte Endprodukt.
- Vergleiche weglassen. Das Bild der großen Schwester, das vom Kita-Freund oder die Vorlage aus dem Buch: Vergleiche erhöhen den Druck, auch wenn sie anspornen sollen. Jedes Bild steht für sich.
- Bilder malen, die nicht falsch werden können. Lade zu Motiven ein, bei denen es kein Richtig oder Falsch gibt. Mit Tusche eine grüne Wiese über das ganze Blatt tupfen, Klecksbilder falten, Farbe mit dem Strohhalm pusten oder zu Musik kritzeln. Hier gewinnt jede Spur.
- In kleinen Etappen statt im großen Wurf. Wenn dein Kind etwas Bestimmtes malen will, helfen kleine Hinweise zur Reihenfolge: erst den Hintergrund, dann den Vordergrund, oder von hell nach dunkel. Den Pinsel führt das Kind aber selbst. Ein großes Bild darf auch über mehrere Tage entstehen.
- Zeig deine eigenen Fehler. Mal einfach mit und lass deine Missgeschicke sichtbar stehen: „Huch, mein Hund sieht aus wie eine Kartoffel mit Ohren. Egal, der darf so bleiben!“ Kinder lernen viel daran, wie gelassen Erwachsene mit Unvollkommenem umgehen.
Probier es selbst aus: Das Schnipsel-Kunstwerk
- Sammelt die Fetzen eines zerrissenen Bildes oder reißt absichtlich buntes Papier in Stücke.
- Legt die Schnipsel auf ein frisches Blatt und schiebt sie hin und her, bis eine Form entsteht.
- Klebt die Teile fest, auch schief und mit Lücken.
- Nehmt Stifte und macht etwas Neues daraus. Mit Augen, Beinen oder Flossen wird aus einem Fetzen ein Monster, ein Fisch oder ein Vogel.
- Gebt dem Kunstwerk einen Titel und hängt es gut sichtbar auf.
Die Botschaft dahinter erklärt sich von selbst: Auch aus etwas, das schiefgegangen ist, kann etwas Schönes entstehen.
Was du dafür brauchst
- Ein paar ruhige Atemzüge, bevor du reagierst
- Viel Papier, gern auch Schmierpapier. Wenn jedes Blatt kostbar wirkt, steigt der Druck.
- Tusche oder Wasserfarben, dicke Pinsel, Wachsmalstifte
- Einen Klebestift und eine kindgerechte Schere
- Einen Schuhkarton als Schnipsel-Kiste
- Zeit ohne Termindruck: Malen kurz vor dem Aufbruch geht selten gut aus
Zum Schluss: Mut zur krummen Linie
Das Wichtigste geschieht oft ganz nebenbei: Dein Kind spürt, dass du es magst, einfach so und unabhängig davon, wie sein Bild aussieht. Ein „Ich hab dich lieb, auch wenn du gerade wütend bist“ wirkt manchmal mehr als jeder Mal-Tipp. Und falls der Frust einmal sehr groß wird, sehr oft auftritt oder auch andere Bereiche betrifft, darfst du dir Unterstützung holen, etwa in der Kinderarztpraxis oder bei einer Erziehungsberatungsstelle. Das ist kein Versagen, sondern Fürsorge.
Wenn ihr Nachschub für entspannte Malstunden sucht, findest du unter diesem Beitrag Ideen, bei denen Farbe wichtiger ist als Perfektion. Jetzt aber: Schnappt euch Stifte, macht euch auf ein paar Kleckse gefasst und legt los. Vielleicht wird es nicht schön, aber ganz bestimmt euer Bild.
Kurz erklärt
Perfektionismus
Der Wunsch, alles ganz besonders gut oder sogar fehlerfrei zu machen. Er kann antreiben, aber auch ausbremsen.
Funktionaler und dysfunktionaler Perfektionismus
Funktional heißt: Der hohe Anspruch hilft beim Lernen und Dranbleiben. Dysfunktional heißt: Der Anspruch blockiert, weil jeder Fehler sich wie ein Scheitern anfühlt.
Prozesslob
Ein Lob für die Mühe, die Ideen und das Dranbleiben, also für den Weg, statt nur für das fertige Ergebnis.
Häufige Fragen
Ab wann sollte ich mir wegen des Mal-Frusts Sorgen machen?
Gelegentlicher Ärger über ein Bild ist normal und zeigt oft, wie wichtig dem Kind sein Werk ist. Sprich mit der Kinderarztpraxis oder einer Erziehungsberatungsstelle, wenn die Verzweiflung sehr häufig auftritt, sich auf viele Lebensbereiche ausweitet oder dein Kind Dinge, die es eigentlich mag, ganz vermeidet. Dann kann eine Fachperson besser einschätzen, ob mehr Unterstützung guttut.
Darf ich ein zerrissenes Bild heimlich aus dem Papierkorb retten?
Lieber nicht heimlich. Für dein Kind war das Zerreißen eine Entscheidung über sein eigenes Werk. Du kannst aber fragen: „Darf ich die Schnipsel behalten? Mir gefallen die Farben.“ Sagt dein Kind Nein, respektiere das. So spürt es, dass sein Urteil zählt.
Sind Ausmalbilder für Kinder mit hohem Anspruch eher hilfreich oder eher Druck?
Das hängt davon ab, wie sie angeboten werden. Vorgezeichnete Motive können entlasten, weil die Form schon steht und das Kind sich ganz auf Farben konzentrieren kann. Wichtig ist, dass niemand verlangt, genau in den Linien zu bleiben. Ausmalbilder sind ein Angebot, keine Prüfung.